»Was bisher geschah…«

Eine Chronik der Ereignisse in Großenhain

»Hotel wird Asylheim« titelte die Lokalausgabe der Sächsischen Zeitung bereits vor der offiziellen Bekanntgabe dieses Vorhabens durch die zuständigen Stellen der Stadt Großenhain und des Kreises Meißen. Die Nachricht verbreitete sich innerhalb kürzester Zeit wie ein Lauffeuer: Anwohner_innen fühlten sich verständlicherweise schlecht informiert oder schlicht überrumpelt. Das rechtfertigt jedoch nicht die außergewöhnlich heftigen Reaktionen in den Wochen danach, deren Vehemenz viele von uns überrascht hat und über die wir bis heute erschrocken sind. Bereits kurze Zeit nachdem die Sächsische Zeitung über die bevorstehende Unterbringung von Asylsuchenden in Großenhain berichtet hatte, zogen mehrere hundert Menschen vor das jetzige Heim, um gegen die Pläne zur Umnutzung des ehemaligen Hotels zu protestieren. Darunter waren auch gewaltbereite Rechtsradikale, die ihren Forderungen durch das Mitführen von Fackeln und den Einsatz von Pyrotechnik zusätzlich Nachdruck verliehen. Im Nachgang dieser Demonstration ist eine recht aktive Bürgerinitiative entstanden, deren erklärtes Ziel es ist, die Unterbringung von Asylsuchenden in Großenhain möglichst doch noch abzuwenden. Lange Zeit lagen entsprechende Unterschriftenlisten der Initiative in verschiedenen Geschäften aus und etliche Großenhainer_innen haben inzwischen die Möglichkeit genutzt, sich mit ihrer Unterschrift gegen das Heim auszusprechen.

Es entstand der Eindruck, dass der Bürgermeister und die Stadtverwaltung überfordert mit der Situation und den vielen Anfragen bezüglich des Heims waren. Auf Vermittlung eines engagierten Pfarrers konnte jedoch bereits am 21. November 2012 eine Informationsveranstaltung in der Marienkirche organisiert werden. Auf dem Podium saßen an diesem Abend der Bürgermeister, die Sozialarbeiterin für Asylsuchende des Kreises Meißen, ein Kreistagsabgeordneter aus Meißen, eine Mitarbeiterin der Diakonie, sowie ein Moderator. Die Kirche war fast voll besetzt, was die Organisator_innen zumindest anfangs gefreut haben dürfte, erwarteten sie doch eine konstruktive Diskussion mit interessierten Bürger_innen, deren eventuelle Bedenken und Sorgen sicher leicht zu zerstreuen sein würden. Die Veranstaltung war als Aufklärungs- und Fragerunde geplant, entwickelte sich jedoch in eine ganz andere Richtung, denn Fragen wurden an diesem Abend zunächst kaum gestellt. Stattdessen gab es zahlreiche Wortmeldungen von Anwesenden, die sich gar nicht erst die Mühe machten, mit ihren rassistischen Vorurteilen hinter dem Berg zu halten. Einige Beispiele gefällig?

»So wie die sich vermehren, das geht ja nicht. Wir haben doch so schon zu wenig Platz in unseren Kindergärten.«

»Und wenn die dann die ganze Nacht feiern, können wir ja gar kein Auge mehr zu machen.«

»Wir können ja nicht mehr im Dunkeln nach draußen gehen. Da kann meine Frau gar nicht mehr alleine einkaufen gehen.«

Etwa eine Stunde lang konnten sich Rassist_innen profilieren und ernteten damit erschreckend viel Applaus aus dem Publikum und nur selten Widerspruch vom Podium. Als schließlich ein Abgeordneter der CDU-Fraktion im Kreistag das Wort ergriff, verließ eine große Gruppe von Gegner_innen des Heims geschlossen die Kirche. Danach gestaltete sich die Situation deutlich entspannter, sodass gegen Ende der Veranstaltung sogar eine vergleichsweise konstruktive Diskussion möglich war. Obwohl ein Kamerateam des Mitteldeutschen Rundfunks während der gesamten Zeit anwesend war und die komplette Veranstaltung dokumentiert hat, spart der knapp zweiminütige Beitrag des Nachrichtenmagazins »MDR aktuell« die rassistischen Äußerungen weitestgehend aus.

Nach der Informationsveranstaltung in der Marienkirche ist es in Großenhain wieder etwas ruhiger geworden. Verschiedene Gruppen und Einzelpersonen haben inzwischen die Arbeit aufgenommen und engagieren sich für die Asylsuchenden. Im Dezember 2012 sind die Familien, die vorher bereits in anderen Heimen in ganz Deutschland untergebracht waren, schließlich planmäßig in das ehemalige Hotel eingezogen, ohne dass es nennenswerte Zwischenfälle gegeben hätte. Im Stadtrat wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die über die künftige Unterbringung der Asylsuchenden berät. Da der aktuelle Pachtvertrag mit dem Eigentümer des ehemaligen Hotels mindestens zwei Jahre läuft, wird sich an der aktuellen Situation zumindest mittelfristig nicht viel ändern. Die Lokalpresse veröffentlicht weiterhin in regelmäßigen Abständen Artikel und Leser_innenbriefe zur Thematik und auch die sozialen Netzwerke im Internet bieten einen unappetitlichen Einblick in den rassistischen Diskurs in Großenhain: Die Facebook-Gruppe »Gegen das Asylbewerberheim-Hotel in Großenhain!!!« hat mittlerweile über 1500 Mitglieder, darunter auch führende Köpfe der sächsischen NPD wie Holger Apfel und Jürgen Gansel. Es ist also weiterhin dringend notwendig, den öffentlichen Diskurs in Großenhain und Umgebung kritisch zu beobachten und notfalls konsequent zu intervenieren.